5. Juli 2009

Wechselspiele

Lasst euch nicht verunsichern, auch nicht allgemein: Nicht "das Böse ist immer und überall", sondern das Sommerloch. Zumindest im Sommer.

Keine Sorge, ich will das Sommerloch nicht "kleinreden". Das wird zum einen nicht gern gesehen und zum anderen kann es auf eine Geschichte zurückblicken, für die "die Silikonbrüste des deutschen Fußballs" dankbar wären.

Außerdem hat das Sommerloch auch seine guten Seiten: Wenn es weniger zu berichten, aber immer noch genauso so viel wie sonst zu schreiben gibt, werden offensichtlich weniger Fehler gemacht. Ganz ohne Irrtümer lief zwar auch diese Woche nicht ab, aber wer ist schon unfehlbar, zumal bei dieser Hitze?

"An diesem Mittwoch bricht die Mannschaft mit ihrem neuen Teambus, dessen Schlüssel am Dienstagmittag an Chauffeur Rainer Lorch überreicht wurden, ins Zillertal auf", schrieb beispielsweise Marc Heinrich in der FAZ vom 1.7.2009. Ein vermeidbarer Fehler, zugegeben, wenn Heinrich die "Bild" vom 12.6. gelesen hätte - aber soll ich ihm das etwa vorwerfen? "Fahrer Rainer Lorch (60) steigt nach sieben Jahren nun doch aus", berichtete die "Bild" bereits Mitte Juni und kannte - wie die FNP - am 1.7. im Gegensatz zur FAZ bereits den Nachfolger Lorchs: "Busfahrer Rolf Gewehr (47) kutschiert die Mannschaft heute ins Trainingslager."

Zwei Tage später erwischte es dann aber auch die FNP, diesmal in Person von Klaus Veit. Veit traute den bereits erwähnten "Silikonbrüsten" doch ein wenig zu viel zu und meinte zum Eintracht-Neuzugang Selim Teber: "In Hoffenheim hatte er in der Rückrunde sogar nach dem Ausfall von Top-Torjäger Ibrahimovic im Angriff gespielt." Zlatan Ibrahimovic spielt meines Wissens jedoch immer noch bei Inter Mailand, die den schwedischen Stürmer 2006 für knapp 25 Millionen Euro verpflichtet haben. Der von Veit gemeinte Vedad Ibisevic kam dagegen für 1,2 Millionen von der Alemannia aus Aachen nach Hoffenheim. Was soll's? Das kann im Eifer des und bei dieser Hitze im Gefecht schon mal passieren. Nobodys perfect.

Das gilt natürlich für mich ebenso wie für Ralf Weitbrecht. Der vertut sich nämlich heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in seinem Artikel über Maik Franz: "Ein harter Hund, ganz zahm". Dort spielt Weitbrecht die Erinnerung einen Streich: "Dass er einst im März 2008 in der Bundesligapartie gegen die Eintracht im Wildparkstadion mit Nikos Liberopoulos, vor allem aber mit dem Frankfurter Kapitänskollegen Ioannis Amanatidis heftig aneinandergeraten ist (..)."

Nikos Liberopoulos wurde jedoch erst nach dem ersten Mittelfußbruch von Ümit Korkmaz im Juli 2008 von der Eintracht an den Main geholt, im März 2008 kann er also mit Franz nicht "aneinandergeraten" sein. Weitbrecht meint natürlich Evangelos Mantzios, wie ihr hier sehen könnt. Es bleibt zwar nicht in der Familie, aber immerhin unter Griechen.

Alles halb so schlimm. Und die Hitze hat auch nachgelassen.

4. Juli 2009

Wie in jedem Jahr

Seit Juli 2004 kennt man das bei der Eintracht. Saisonvorbereitung. Erstes Trainingslager. In Österreich. Erstes Vorbereitungsspiel. In Zell am Ziller. Wie in jedem Jahr. Seit 2004.

Im nächsten Jahr wird der Eintracht-Trainer diese Kontinuität durchbrechen, darauf würde ich eine Wette abschließen. Fast ist es schade. Man könnte ja schon eine "Marke" aus dem ersten Trainingslager machen: "Im Zillertal - since 2004".

Die Ergebnisse des ersten Testspiels - in Zell am Ziller - lauteten in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit der Partie, die am 60. Geburtstag von Jürgen Grabowski stattfand:

07.07.2004: 7:0 gegen Zillertaler Regionalauswahl

06.07.2005: 10:0 gegen Zillertal-Auswahl

09.07.2006: 5:0 gegen WSG Swarovski Wattens

07.07.2007: 1:0 gegen WSG Swarovski Wattens (Grabis 63.)

12.07.2008: 2:0 gegen WSG Swarovski Wattens

04.07.2009: 1:2 gegen WSG Swarovski Wattens

Die Torschützen für die Eintracht waren

2004: Frommer (2), Köhler (2), Cimen, Schur und van Lent.

2005: Stroh-Engel (2), van Lent (2), Cha, Köhler, Lexa, Meier, Vasoski und Weissenberger.

2006: Amanatidis, Copado, Fink, Meier und Weissenberger.

2007: Meier.

2008: Bellaid und Heller.

2009: Teber.

Sechs Partien, viele Torschützen sowie heute die ersten Gegentore und die erste Niederlage im ersten Testspiel in Zell am Ziller. Das naheliegende, aber überflüssige Wortspiel mit dem Torschützen Armin Hobel schenke ich mir.

Was das nun alles zu bedeuten hat? Nichts. Natürlich nicht. Wie in jedem Jahr.

Das, was bleibt

Mein Eintrag vom Freitag - Pfeifen, bis der Doktor kommt, hat mehrere Hintergründe. Einer ist: Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr sind? Goethe, Mozart oder Dali ist keiner von uns.

Und selbst die dem sterbenden Goethe untergeschobenen "letzten Worte" waren nicht seine finalen, zumindest wenn man dem "Lexikon der populären Irrtümer" von Walter Krämer und Götz Trenkler Glauben schenken mag: "Mehr Licht!" ... diese Abschiedsworte wurden dem großen Dichter einfach angedichtet, vermutlich weil sie so gut zum "Image" des Olympiers und großen Meisters passen. In Wahrheit ist dieses Licht-Ersuchen Goethes durchaus wörtlich aufzufassen. "Macht doch den zweiten Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkomme", soll er kurz vor seinem Ende angeordnet haben.

Das ist nicht ganz so beeindruckend, nicht wahr? Es ist nun einmal nicht jedem vergönnt, mit einem "Rosebud" auf den Lippen zu gehen. Und "Citizen Kane" gelang dies auch nur ihm Film.



Die letzten Worte des genialen Orson Welles sind dagegen nicht überliefert. Das ist nicht schlimm, denn die "famous last words" werden ohnehin überschätzt und alle anderen auch, wie der Reporter Thompson am Ende von "Citizen Kane" feststellt: "I don't think any word can explain a man's life."

Auch eine einzelne Tat kann ein Leben wahrscheinlich nicht erklären, aber es ist nicht schlimm, wenn viele Menschen die erinnerungswürdigen Taten anderer nicht vergessen. Fred Schaub war mehr als der Schütze des titelbringenden Siegtreffers im zweiten UEFA-Cup-Finale, Bernd Nickel ist mehr als der kunstfertige Ballartist, der von jeder Ecke des Waldstadions im Uhrzeigersinn je einen Eckball direkt verwandelte, und Bernd Hölzenbein ist mehr als der Schütze des Sitzkopfballtores, nur eines sind sie und viele andere gemeinsam: unvergessen.

Ein magischer, ein göttlicher Moment, den ich nicht vergessen werde, solange ich lebe. Und für den ich zwei Frankfurter Buben genauso lange dankbar sein werde, schrieb ich am 18. März 2007. Dieser magische Moment war der zweite Treffer, den Christoph Preuß in seiner Profi-Karriere per Fallrückzieher gegen Bayern München erzielte, dieses Mal nach einer Flanke von Patrick Ochs, dem zweiten Frankfurter Buben in dieser Szene:



Christoph Preuß, der auf seinem Weg zurück aus der Hölle Anfang Juni wieder mit dem Lauftraining begonnen hat und auf seiner Homepage berichtet, dass das Aufbautraining voran geht, hat heute Geburtstag. (Hier geht es zu seinem Gästebuch)

Christoph, ich werde wie versprochen diesen magischen Moment nie vergessen. Was auch immer noch kommen und passieren mag, von dir wird mir schon jetzt viel mehr in Erinnerung bleiben, als dieses eine fantastische Tor.

Alles, alles Gute zum Geburtstag!


Nachtrag
Ich hatte gehofft und auch damit gerechnet, dass Eintracht Frankfurt heute die längst erwartete Vertragsverlängerung bekannt gibt. Stattdessen wurde gestern auf eintracht.de der Lizenzspielerkader veröffentlicht, in dem Christoph Preuß fehlt und Neuzugang Maik Franz Christophs Nummer 4 erhalten hat.

Neue Saison, alte Sorgen

Am 8. Juli des vergangenen Jahres sah ich nach den Ausfällen von Benjamin Köhler, Christoph Preuß, Markus Pröll, Aleksandar Vasoski und Jan Zimmermann bereits Freddie Frintons Geist von Friedhelm Funkel Besitz ergreifen, der angesichts der sich jährlich wiederholenden zahlreichen Ausfälle nur noch "I will do my very best" murmeln kann. Meine Befürchtung war überflüssig: Friedhelm Funkel war auf diese Weise nicht zu beeindrucken, die meisterliche Mangelverwaltung war wohl sein Metier.

Hoffentlich bleibt es Michael Skibbe erspart, dass er den Beweis antreten muss, wie gut er mit dem Mangel an verfügbaren Spielern umgehen kann. Allzu große Sorgen mache ich mir hier allerdings nicht: Wer so eine feine Nase für die Strömungen im Umfeld hat, dass seine öffentlichen Äußerungen durch die Bank für weitgehende Zustimmung sorgen, der weiß auch mit einem reduzierten Kader umzugehen und diesen auf- und einzustellen.

Allerdings darf nicht mehr viel passieren, sonst kommt diese Aufgabe auf Skibbe bereits zu einem höchst ungünstigen Zeitpunkt zu - den Saisonstart, bei dem es gilt, die positive Stimmung der letzten Wochen durch sportliche Erfolge zu erhalten. Ausfälle gibt es bereits genug zu beklagen.

Christoph Preuß befindet sich im Aufbautraining, macht langsame, aber stetige Fortschritte und wird frühestens in einigen Monaten wieder zum Lizenzspielerkader stoßen - einen unterschriebenen Arbeitsvertrag vorausgesetzt.

Statt des Kaders erhielt bereits vor dem ersten Mannschaftstraining das Krankenlager der Eintracht Zuwachs, prominenten dazu: Martin Fenin wurde an beiden Leisten operiert. Fenin will - wie er gegenüber den FNP vom 26.6. optimistisch meinte - tatsächlich "in fünf Wochen" wieder spielen, ob er es auch kann, bleibt abzuwarten.

Marcel Heller fehlte ebenfalls beim Trainingsauftakt. Mannschaftsarzt Dr. Seeger diagnostizierte eine Überdehnung des rechten Seitenbandes und des hinteren Kreuzbandes sowie eine Kapsel- und Innenmeniskusreizung im rechten Knie. (bundesliga.de, 30.6.) Eine Verletzung, die sich der nach dem Ende des Leihgeschäfts aus Duisburg zurückgekehrte Heller beim Freizeitfußball zugezogen hat. (FR, 1.7.)

Beim Trainingsauftakt erwischte es dann Marcos Alvarez, der eben noch ein Tor erzielt hatte, nach einem Zweikampf mit Vasoski. Erst seit zwei Wochen mit einem Profi-Vertrag ausgestattet konnte Alvarez nun nicht mit ins Trainingslager fahren. Verpasst er das Trainingslager nun wegen eines dicken rechten Knöchels, den die FR beim Auftakttraining gesehen hat, oder wegen "Knie", wie hr-online gewohnt fachmännisch vermeldet? Ich weiß es nicht, auch nicht, wie lange Alvarez ausfallen wird.

Einen Tag später war Zlatan Bajramovic "völlig am Boden", wie der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen berichtete. (FR, 1.7.) Mindestens 3 Wochen fällt laut FNP der seit gut zwei Jahren durch seinen großen rechten Zeh schmerzgeplagte Spieler nach vier Operationen nun wegen einer neuerlichen "Reizung, einer Irritation am Großzeh-Grundgelenk" aus. (FR, 3.7.) Ich hoffe, dass Zlatan nicht aufgibt, aber ich weiß auch, wie schwer den Kampf gegen zermürbende Schmerzen ist, die nicht verschwinden wollen.

Jan Zimmermann, der in der letzten Saison bereits monatelang wegen einer Schambeinentzündung ausgefallen war, musste das Vormittagstraining wegen starker Schmerzen im Rücken- und Beckenbereich abbrechen und wurde erstmal aus dem Trainingsbetrieb genommen. "Wir werden gemeinsam mit dem Trainerteam entscheiden, ob er besser nach Hause reist", so Mannschaftsarzt Dr. Christoph Seeger. (eintracht.de) Mannschaftsarzt Christoph Seeger wollte sich nicht näher darüber äußern, wie lange Zimmermann diesmal aussetzen muss: "Aber es wird länger als zwei, drei Tage dauern." Der Mediziner erklärte, dass der Keeper nie richtig schmerzfrei gewesen sei: "Das war ein Trainingsversuch. Aber es hat keinen Sinn, weil es bei Fußball-spezifischen Belastungen immer schlechter wurde." (FNP, 4.7.)

Als ob das nicht genug wäre, muss ich heute Morgen in der FNP auch noch folgendes über und von Aleksandar Vasoski lesen: Aleks hat noch ganz leichte Knie-Probleme und machte deutlich, dass er für sich selbst derzeit die letzte Chance sieht. "Wenn noch einmal ein schwerer Rückschlag kommen sollte, dann höre ich auf."

So überrascht ich im ersten Moment war, wenn ich mir die Leidensgeschichte Vasoskis betrachte, könnte ich es ihm nicht verdenken. Aber für ihn und alle anderen verletzten Eintrachtspieler gilt, was ich am 30.6. an Zlatan in dieses Blog geschrieben habe: Gib nicht auf!

3. Juli 2009

Pfeifen, bis der Doktor geht


Es ist schade, dass ich nicht die Zeit habe, mein Blog zu schreiben und zusätzlich die Spielberichte für Franks Eintracht-Archiv. Beides zusammen schaffe ich nicht, entweder muss das eine zurückstehen oder das andere. In den letzten beiden Jahren waren es die Spielberichte, ich finde das schade. So bleiben wird es nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen in Franks Archiv stöbern, und es kann durchaus sein, dass man mehrere Stunden an einem Spielbericht sitzt, recherchiert und schreibt, aber dieser Bericht möglicherweise nie gelesen wird. Doch der Gedanke, dass jemand ins Eintracht-Archiv schaut und dort nicht nur Daten, sondern Berichte, Fotos und Zitate zu einem Spiel findet, das ihm etwas bedeutet, weil es ein besonderes Spiel, vielleicht das erste live erlebte Eintrachtspiel war, dieser Gedanke ist ein glücklicher und er ist Motivation genug. Heute mehr denn je.

Irgendwann, in einigen Jahren, wird es hoffentlich soweit sein, dass zu den meisten Partien der Eintracht die Daten und Spielberichte verfügbar sein werden. Es wird die Geschichte von Eintracht Frankfurt sein, die in Franks Archiv aufbewahrt wird. Einer von denen zu sein, die etwas dazu beigetragen haben, macht mich froh.

Die Freude, die ich beim Schreiben meines letzten Berichtes zum Spiel der Eintracht gegen den VfB Stuttgart am 16.11.1974 hatte, war allerdings eine geteilte: Jenes 5:5 gegen die Schwaben war nicht nur der erste Auftritt von Willi Neuberger im Adler-Trikot, es war gleichzeitig auch die Partie nach der Dr. Kunter seinen Platz im Eintracht-Tor freiwillig räumte.

Willi hatte eine Woche zuvor noch für den Wuppertaler SV in der Bundesliga gespielt. Da dem Tabellenletzten zwar sportlich das Wasser bis zum Hals stand, jedoch gleichzeitig in der Kasse Ebbe herrschte, sollte mit Neubergers Verkauf wenigstens der Schuldenberg teilweise abgetragen werden. Schwupp ging der Willi nicht über, aber von der Wupper an den Main.

Dort mahnte Trainer Weise: "Man kann am Samstag von Willi noch keine Wunderdinge erwarten." Auch ein Routinier wie Neuberger, fand Weise, könne sich nicht "von heute auf morgen auf die Spielweise einer neuen Mannschaft einstellen."

Zudem hatte Neuberger nach seinem Wechsel zu Werder Bremens "Millionenelf" in den vorangegangenen drei Jahren weder an der Weser noch an der Wupper an seine Dortmunder Leistungen anknüpfen können. Jürgen Grabowski war von dem als Linksaußen verpflichteten Spieler - ein Wechsel von Arno Steffenhagen zur Eintracht war zuvor an der Absage Ajax Amsterdams gescheitert - dennoch angetan: "Ich glaube, die Eintracht wird mit Willi Neuberger stärker. Gegen Stuttgart soll es mit Neuberger am Samstag einen neuen Anfang geben."

Willi Neuberger selbst zeigte sich von dem Wirbel, der um seine blitzartige Verpflichtung gemacht wurde, unbeeindruckt: Auf die Frage, wie er mit dem rasanten Wechsel umzugehen gedenke, antwortete der Neuling: "Ich stelle mir eben vor, dass der Wuppertaler SV in einem neuen Trikot spielt." Welche Vorstellung Willi mit dieser Vorstellung geboten hat, erfahrt ihr in meinem Bericht (klick).

"Willi war der Beste... zumindest auf links und bis heute", nannte ich meinen Blogeintrag vom 30.12.2006 und schrieb: "Willi würde ich es gönnen, heute noch einmal an der linken Außenbahn die Linie runter zu marschieren und sein Williiiiiiiiiiiiiiiiii mal vor ausverkauftem Haus und der aktuellen Fangeneration zu genießen, statt vor 12 bis 20 Tausend Zuschauern, die nach dem dritten Fehlpass im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel pfeifen."

Im Spiel gegen Stuttgart, in dem die Willi-Rufe bereits zum ersten Mal im Waldstadion erklangen, gab es aber auch anderes zu hören: Schmähungen und Pfiffe gegen Dr. Kunter.

Für den Dr. Kunter, der sich nicht nur im Abstiegsduell auf dem Bieberer Berg am 33. Spieltag der Saison 1970/71 ewige Verdienste um die Eintracht erworben hatte, als sogar Kickers-Trainer Klötzer nur lobende Worte fand: "Sicherlich hätte das Spiel noch eine halbe Stunde weitergehen können, und Eintracht-Torwart Dr. Kunter hätte nach wie vor alles gehalten. Er war in einer überragenden Form."

Für den Dr. Kunter, der noch im August mit der Eintracht den DFB-Pokal errungen hatte. Für den Dr. Kunter, der nur 14 Tage zuvor im Derby gegen Offenbach kurz vor Schluss das Unentschieden gerettet und am letzten Spieltag in Berlin vortrefflich gehalten hatte. Für den Dr. Kunter, der in der Saison 1973/74, als ihn Günter Wienhold bereits abgelöst zu haben schien, seinen Rivalen in aller Öffentlichkeit lobte: "Besser als Günter kann man gar nicht halten."

Dieser Dr. Kunter fand nach dem Spiel gegen den VfB, dass er "eine ausgesprochen schlechte Figur" gemacht habe, und gab öffentlich bekannt: "Ich werde mich jetzt für ein Vierteljahr auf die Bank setzen. Wienhold soll jetzt ins Tor. Ich lasse mich da auch von Herrn Weise nicht umstimmen."

Tatsächlich ging Dr. Kunter zu seinem Trainer Dietrich Weise und sagte ihm: "Trainer, von meinem Einsatz haben wir doch beide nichts. Wenn ich noch eine krumme Sache mache, pfeifen die mich hier bedingungslos aus. Wienhold hat lange genug gewartet." Dieser Dr. Kunter hatte eine andere Art der Ablösung verdient. Doch auf die wollte er nicht warten, schon gar nicht vergebens: "Das Publikum ist offensichtlich Kunter-müde."

Auch wenn der Abschied kein endgültiger war, hat mich das Schreiben dieses Berichtes traurig gestimmt. Dr. Kunter hätte es verdient gehabt, im Triumph oder zumindest bejubelt abzutreten. Das war ihm leider auch in der Saison darauf - "Das letzte Jahr habe ich nur noch dem Weise zuliebe gemacht." (Dr. Kunter) - nach dem Beinbruch Wienholds in Gladbach nicht vergönnt.

(Danke an Petermann sowie Matze Thoma und das Eintracht Frankfurt Museum für die Unterstützung.)

1. Juli 2009

Einträchtlicher Anblick


Am 26.6.2009 meldete die Frankfurter Rundschau: "Zum anderen hat der Aufsichtsrat der "Fußball AG" eine Ausschüttung an die Aktionäre genehmigt. Dabei handelt es sich um eine Million Euro, von denen 720.000 Euro an den Hauptaktionär, den Verein Eintracht, gehen." Die FAZ hatte bereits am 24.6. ähnliches berichtet: Die Liquidität bei der Spielersuche leidet darüber hinaus unter einer Ausschüttung von einer Million Euro an die Aktionäre der „Fußball AG“, die der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Herbert Becker unlängst beschloss. 72 Prozent der Aktien gehören dem Verein Eintracht Frankfurt, der 720.000 Euro erhielt.

Diese Information darf man nach dem Artikel, den Josef "Peppi" Schmitt heute in der FAZ veröffentlicht hat, getrost als überholt betrachten: Nun hat sich auch der Aufsichtsrats Vorsitzende Herbert Becker in die Diskussion eingeschaltet und bestritten, dass es der Aufsichtsrat gewesen sei, der die Ausschüttung in dieser Form so beschloss. Der Gewinn der AG im letzten Geschäftsjahr betrug 2,8 Millionen Euro. Ausgeschüttet worden sind offenbar 1,2 Millionen Euro, davon sollen knapp 800.000 Euro an den Verein geflossen sein. Bruchhagen habe dem Aufsichtsrat einen Vorschlag unterbreitet, wie die 1,2 Millionen Euro verteilt werden könnten. Das Gremium habe diese Idee auch mehrheitlich genehmigt, sagte Becker und schlug sich damit auf Bruchhagens Seite. Doch die Hauptversammlung der Aktionäre, wie der Aufsichtsrat ein Organ der AG, habe mit der Mehrheit des Vereins den Bruchhagen-Vorschlag gekippt.

Der Artikel der "Bild" vom 30.6.2009 ist also nicht aus der Luft gegriffen. Dort heißt es: "Intern fliegen die Fetzen. Das Wort „Lügner“ saust hin und her."

Nun, dass "intern" etwas im Argen liegt, was dringend der Bereinigung bedarf, habe ich in diesem Blog ja mehrmals thematisiert, unter anderem in meinem Eintrag Kehraus. Überraschend ist für mich allerdings, dass die Einheit, die Fischer und Bruchhagen bislang öffentlich demonstrierten, gerade erheblich leidet. "Lügner" würde ich dennoch im Augenblick keinen der Beteiligten nennen.

Peter Fischer soll laut der Bild vom 30.6. - und im Kern laut Schmitts Artikel in der FAZ von heute - folgendes gesagt haben: „Die AG war frühzeitig einbezogen in die Entscheidung, ob wir in die Regionalliga wollen. Und dass das teurer würde. Es hängt mir langsam zum Hals raus!“ (Bild, 30.6.2009) Bruchhagen dagegen wird gestern dagegen in der FNP aus der Pressekonferenz vom 29.6.2009 wie folgt zitiert: «Ich gieße ungern Wasser in den Wein, aber wir stehen vor schweren Zeiten. Es ist sehr schwierig, qualitativ gute Spieler zu bekommen, zumal überraschende Geldabflüsse hinzu gekommen sind.»

Widersprechen sich diese beiden Aussagen? Ich meine nein. Bruchhagen hat in der Tat Grund von einem "überraschenden Geldabfluss" zu sprechen, sah sein vom Aufsichtsrat genehmigter Vorschlag zur Verwendung des Gewinns der AG laut Herbert Becker anders aus als die nun von der Hauptversammlung beschlossene Verteilung. Ich sehe darin keinen Widerspruch zu Peter Fischers Aussage, die AG sei in die Entscheidung, ob man den sportlich erreichten Aufstieg in die Regionalliga realisiert, "frühzeitig einbezogen" gewesen und habe gewusst, "dass das teurer würde". Jemanden einbeziehen und wissen lassen, bedeutet ja nicht, dass dieser jemand auch mitentschieden hat.

Folgendes Szenario, dass zu Fischers Aussage passt, halte ich für möglich: Verein und AG sind sich vor Saisonbeginn 2008/09 darin einig, dass die U23 aus sportlichen Erwägungen heraus, den Aufstieg in die Regionalliga realisieren sollte. Allen Beteiligten ist klar, dass das Budget nicht reicht. Die AG will ihren Zuschuss an den Verein jedoch nur erhöhen, wenn sie dafür auch mehr Einfluss auf die U23 bekommt. Aus Sicht der AG verständlich. Der Verein lehnt jedoch eine größere Einflussnahme der AG ab. Auch das ist verständlich. Selbst wenn bei anderen Vereinen, bei denen der Profifußball ausgegliedert ist, zumindest die U23 der Profi-Abteilung direkt unterstellt wird, ist es eine Annahme, dass dadurch erfolgreicher gearbeitet wird. Und wie viel Einfluss würde dem Verein nach einer Ausgliederung der U23 noch bleiben? Als "Lösung" wird also der zu niedrige Etat vom Verein beschlossen, weil man weiß, dass der Fehlbetrag am Ende durch die AG ausgeglichen wird - ob sie will oder nicht.

Nein, ich habe keinen Beweis dafür, dass sich dieses Szenario tatsächlich so abgespielt hat. Ich sage auch lediglich, dass ich dieses Szenario für möglich halte, weil es den Aussagen Fischers und Bruchhagens nicht direkt widerspricht und sich mit den Informationen deckt, die ich bereits im Juli 2008 bekommen habe, die aktuelle Entwicklung inbegriffen.

Fest steht: Die dem Etat der U23 zugrunde gelegte Zuschauerdurchschnitt war mit 700 zu hoch angesetzt, 517 (Quelle: premiumpresse.de) oder 567 (Quelle: weltfussball.de) sollen es tatsächlich in der letzten Saison gewesen sein. Aber eine Etat-Unterdeckung, die eine Zahlung von 800.000 Euro notwendig macht, ist so nicht zu erklären.

Es steht auch noch die Frage im Raum, warum 800.000 Euro benötigt werden, wenn die Unterdeckung für die neue Saison bei der U23 tatsächlich "nur" 500.000 Euro beträgt, wie die "Bild" heute schreibt und es in der FNP von Klaus Veit für die alte Spielzeit bestätigt wird. Nach Veits Artikel in der FNP "konnte und wollte" der Verein, die von der AG angebotene Ausschüttung von rund 400.000 Euro (also knapp 300.000 für den Verein) nicht annehmen. Die Verhandlungen zwischen AG und Verein sollen laut Veit daraufhin im Februar gescheitert sein.

Ich frage mich nach dem Lesen von Veits Artikel, inwieweit es nun hilfreich sein soll, erneut einen "abgespeckten" Etat aufzustellen, der am Ende entweder erneut nicht ausreichend sein wird oder zu einer sportlichen Schwächung der U23 führt?

Wie es nun auch sein mag, so wie ich hier vermute oder vielleicht doch ganz anders: Eintracht sieht anders aus. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege und an die Zeit vor Bruchhagens Amtsantritt denke, stimmt das ja gar nicht. Genau so hat die Eintracht über Jahrzehnte ausgesehen. Ich hätte auf diesen Anblick verzichten können.