Freitag, 26. Oktober 2007
Fred und Friedl
Mein Pate, Petermann, hat sich dieser Tage im Forum auf eintracht.de doch tatsächlich geweigert, die geneigte Anhängerschaft mit einem seiner ebenso unersetzlichen wie beliebten „kicker“-Threads zu verwöhnen.
Nun hat „Don Pedro“ allerdings einen guten Grund angeführt, der Fußballern sofort einleuchtet: Peter ist abergläubisch: "Diese Woche gibt´s leider keinen Bericht aus der guten alten Zeit.
Begründung: Bisher 2 Berichte = 2 Niederlagen
Bedankt Euch beim KSC und den Club!"
Ich bin nicht abergläubisch – immerhin hat die Eintracht zu der Zeit, als ich noch Zeit hatte Vorberichte zu schreiben, zweimal gewonnen, einmal unentschieden gespielt und einmal verloren.
Wie bitte? Ja, ich habe nach der Niederlage in Bremen aufgehört, Vorberichte zu schreiben. Na, und? Das hat mit dem verlorenen Spiel rein gar nichts zu tun. Wirklich nicht! Ach, glaubt doch, was ihr wollt...
Wie auch immer: Es gibt tatsächlich kaum Spiele gegen Hannover, die mir positiv in Erinnerung geblieben sind. Spiele gegen die Leute von der Leine hinterlassen oft einen schalen Nachgeschmack, manchmal sogar für die Niedersachsen selbst...
Da gibt es zum Beispiel eine Partie aus dem Februar 2006, als die Eintracht Chance auf Chance verballerte, die 96er das erste und einzige Mal auf das Tor der Eintracht schossen und das Spiel so unverdient mit 1:0 gewannen, dass es Gästespieler Hanno Balitsch peinlich war. (FNP vom 13.02.2006 und FR vom 13.02.2006)
Solche und ähnliche Spiele haben gegen Hannover Tradition; die Schattenseiten einer Diva mit der Niederlage an der Leine beim damaligen Tabellenletzten in der Saison 71/72 erspare ich uns lieber.
Allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass wir im Rückspiel siegreich blieben und die Saison zu Hause unbesiegt beendeten. Doch auch da musste uns jemand Essig in den Wein schütten, in dem er in allerletzter Minute das „zu Null“ zunichte machte: Ein gewisser Willi Reimann, der sich im Vorrundenspiel nach etwas mehr als einer halben Stunde mit einer Fleischwunde verabschieden musste.
Reimann ist – wie wir wissen, seit der beurlaubte Trainer beim letzten Aufstieg der Eintracht aus seinem Vertrag eine Nichtabstiegsprämie forderte – ein Typ, der nichts vergisst. Möglicherweise ist er sogar ein ganz klein wenig nachtragend: Am 2. Spieltag der folgenden Saison 72/73 traf Reimann zwei Mal, was den 96ern zum knappen 2:1-Sieg reichte.
Im Jahr darauf traf Reimann zwar nicht, aber der Tabellenvorletzte ermauerte sich ein trauriges Unentschieden, bei dem auf den vom Schiedsrichter nicht geschützten Jürgen Grabowski eine regelrechte Jagd veranstaltet wurde, bis Gästecoach Baldauf ein Einsehen hatte und den übelsten Treter vom Platz nahm.
Immerhin ereilte die Betonmischer und Hobbyjäger von der Leine am Ende der Saison das verdiente Schicksal: Man musste absteigen. Zwei Jahre später waren sie allerdings wieder da und verpassten der Eintracht eine unerfreuliche 2:3-Niederlage.
Im Rückrundenspiel nahm die Diva dann Rache: Erst nach dem 5:0 durch Dr. Hammer ließ die Eintracht vom hoffnungslos unterlegenen Gegner ab. Am Ende zeigte sich die Eintracht wieder einmal von ihrer barmherzigen Seite und gestattete Stegmayer den einzigen Gästetreffer.
In diesem Spiel kam auf Seiten der Eintracht ein junger Mann zum Einsatz, ein sehr junger Mann: Jürgen Friedl. Friedl, damals erst 17 Jahre und 26 Tage alt, wurde in der 64. Minute beim Stande von 4:0 für den verletzten Torhüter Dr. Kunter eingewechselt.
Jürgen „Fuzzy“ Friedl war damit der jüngste Spieler, der bis dahin in der Bundesliga eingesetzt worden war. Möglich wurde sein frühes Bundesligadebüt nicht nur durch Dr. Kunters Verletzung, sondern auch durch den DFB. Dieser nämlich hatte Friedl zu früh und damit fälschlicherweise die Spielgenehmigung erteilt. Das stellte der Verband jedoch erst nach dem Spiel gegen Hannover fest...
Ein Rekord für die Ewigkeit also? Nein, im Sommer 2000 wurde die Bestimmung geändert, die A-Junioren des jüngeren Jahrgangs die Spielgenehmigung für die Bundesliga verwehrte. Und durch den Dortmunder Sahin, der bei seinem Bundesligadebüt 16 Jahre und 335 Tage alt war, ging am 6. August 2005 Friedls Wunsch in Erfüllung: „Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein junges Talent käme und den Sprung ähnlich früh packt.“ (Quelle: Michael Ebert im Kicker Sportmagazin Sonderheft 40 Jahre Bundesliga, Seite 27)
Den Sprung hatte Friedl gepackt, doch zu einer Bundesligakarriere reichte es nicht, obwohl Friedl in der Saison 78/79 im Viertel- und Halbfinale des DFB-Pokals für die Eintracht zwischen den Pfosten stand: Manager Udo Klug war der 1,75 Meter große Torwart zu klein für einen Profivertrag. So war die 1:2-Halbfinalniederlage bei der Hertha durch Jürgen Milewskis Tor in der 87. Minute Friedls letztes Pflichtspiel für die Frankfurter.
Zu seinem zweiten Bundesligaspiel kam Jürgen Friedl übrigens erst drei Jahre nach seinem Debüt, und wieder durch eine Verletzung des eigentlichen Stammtorhüters. Jupp Koitka musste nach dem Düsseldorfer Führungstreffer durch Thomas Allofs in der 16. Minute angeschlagen aus dem Spiel genommen werden.
Koitka wiederum war selbst drei Jahre vorher nur wegen Günter Wienholds Beinbruch in Mönchengladbach und Dr. Kunters („Das letzte Jahr habe ich nur noch dem Weise zuliebe gemacht.“ Quelle: Don Hennes und die Liebe zur Liga, Verlag Klartext, 1992, Seite 146) 10 Gegentoren in drei Partien drei Spieltage vor Ende der Saison 75/76 verpflichtet worden.
„Fuzzy“ Friedl sollte nach dem Spiel gegen die Fortuna lediglich noch ein Punktspiel für die Eintracht bestreiten, das aber auch gewonnen wurde, so dass bei seinen drei Ligaeinsätzen drei Siege zu Buche stehen.
Den Sieg gegen Düsseldorf verdankt Friedl einem anderen jungen Mann, dem bei der Eintracht ebenfalls nur eine kurze Karriere – und leider ein zu kurzes Leben - beschieden sein sollte, und der doch unvergänglichen Ruhm erlangen sollte: Fred Schaub
Das zweite von seinen nur drei Bundesligatreffern für die Eintracht erzielte Schaub nur wenige Wochen später, am 34. Spieltag beim 2:0-Erfolg beim MSV Duisburg. Fred Schaub sicherte mit diesen beiden Toren der Eintracht den 5. Platz und somit die UEFA-Cup-Teilnahme. Und sich selbst bereitete er so – ohne es zu ahnen – die Bühne für den größten Moment in seiner Laufbahn als Fußballer.
Nicht Jürgen Friedl, aber ein anderer Friedel, Schaubs Trainer Friedel Rausch, hatte diesen Moment in geradezu prophetischer Weise nach Schaubs Siegtor in letzter Sekunde gegen die Fortuna angekündigt: „Der Junge wird eines Tages noch 40.000 zum Rasen bringen!“ (Quelle: Der große Triumph von Jörg Heinisch, 2005, Seite 143)
Rauschs Prophezeiung sollte mit einer kleinen Einschränkung zutreffen: Als die Eintracht am 21. Mai 1980 - fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Endspiel gegen Real Madrid in Glasgow – erneut nach einem europäischen Titel griff, waren es nicht 40.000, sondern fast 59.000 Zuschauer.
Und die versetzte Fred Schaub – soweit sie Anhänger der Eintracht waren – tatsächlich in einen rauschähnlichen Zustand: Kaum eingewechselt, erzielte er nach Vorarbeit von Hölzenbein, den Trainer Rausch gerade gegen Künast auswechseln wollte, in der 81. Minute kaltschnäuzig das Tor, das die Eintracht zum UEFA-Cup-Sieger und ihn unsterblich machen sollte.
Auch wenn Fred Schaub drei Jahre vor seinem frühen Unfalltod am 22.04.2003 etwas mit dem frühen Höhepunkt seiner Karriere haderte („Das Tor war nicht gut für meine Karriere; ich bin an diesem Tor gescheitert.“), erkannte er: „Es war ja doch der schönste Moment. Ich habe vieles nicht erreicht, aber ich habe etwas erreicht, was viele andere nie erreichen werden.“ (Quelle: Der große Triumph von Jörg Heinisch, 2005, Seite 154)
Fred, du hast noch etwas erreicht, was die meisten von uns nie erreichen werden:
Du wirst nicht vergessen – nicht so lange es Eintrachtfans gibt!
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