Sonntag, 13. Juli 2008

Die Sehnsucht nach dem "Auftragsmörder"


Die Bekanntgabe des Wechsels von Nikos Liberopoulos ist erst ein paar Stunden alt, aber die Klagelieder einiger Eintrachtfans dringen durch das Internet schon wieder zu mir durch. Der eine oder andere hatte offensichtlich doch ein anderes Kaliber erwartet, was vielleicht auch daran liegt, dass die "Bild" am 20.6. auch Chevantón ins Spiel brachte und berichtete, dass sich Finanzvorstand Dr. Pröckl in Sevilla um den Stürmer bemühe. Nun dementierte die Eintracht - Bruchhagen: „Daran ist kein Wort wahr.“ - zwar nur einen Tag später via FNP, doch was die "Bild" schreibt bleibt nun ein Mal hängen - obwohl sie keiner liest... Nebenbei bemerkt: Mich überzeugen Chevantóns Daten der letzten beiden Jahre in Sevilla nicht, aber ich will mir hier kein Urteil anmaßen - er hat dort starke Konkurrenz, wie ich gelesen habe.

Ich will die Verpflichtung von Liberopoulos auch nicht über Gebühr würdigen. Natürlich sollte man nicht unterschätzen, dass Liberopoulos in eine Liga wechselt, die - trotz ihrer Schwächen - insgesamt stärker einzuschätzen ist als die griechische. Es bleibt - wie bei jedem Neuzugang - abzuwarten, ob er sich hier wird durchsetzen können.

Am 9.7. berichtete die "Bild" übrigens: "Auf den Griechen Nikos Liberopoulos (..) verzichtet Eintracht aus Altersgründen." Über das Alter des Spielers wird natürlich auch heute diskutiert. Ich sehe sein Alter - er wird Anfang August 33 Jahre - nicht als Problem an. Der Mann ist ein Strafraumstürmer, wie es scheint, gefährlich im Kopfballspiel und schussstark. Da braucht es Erfahrung, nicht unbedingt die jüngsten und flinksten Beine.

Alter schützt vor Toren nicht, könnte man sagen, Martin Max ist das beste Beispiel. Wie viele von denen, die heute Liberopoulos wegen seines Alters die Erstligatauglichkeit absprechen möchten, haben wohl Martin Max vor der Saison 2003/2004, als er von 1860 München zu Hansa Rostock wechselte, belächelt und zum "alten Eisen" legen wollen? Nicht ganz grundlos, denn beim Torschützenkönig der Vorsaison hatte es in seinem letzten Schalker Jahr in 21 Spielen zu 6 Toren gereicht.

Max gelangen dann für den Ostseeklub so viele Tore (20) und Torvorlagen (7) wie noch nie zuvor in seiner Karriere. Mit 35 Jahren. "Nebenbei" avancierte er in diesem nahezu "biblischen" Stürmeralter mit seinen 20 Treffern in 33 Bundesligaspielen zum besten deutschen Torjäger der Spielzeit 2003/04. Und noch etwas ist interessant: 71 seiner insgesamt 126 Bundesligatore erzielte der Stürmer in den letzten 5 Spielzeiten seiner 15jährigen Profi-Karriere, also nach seinem 31. Geburtstag.

Michael Preetz brachte es mit über 30 Jahren zum Bundesligatorschützenkönig und zum Nationalspieler. Preetz galt in seinen ersten Profijahren vielen als guter Zweitligastürmer, bei dem es für die Eliteliga nicht langt. Nachdem er in seiner ersten Bundesligasaison 1986/87 für Fortuna Düsseldorf in 23 Spielen noch auf 5 Tore kam, gelang ihm in der Saison 1989/90 in der ersten Liga in 15 Spielen nicht ein einziges Tor. Danach schoss er in 112 Zweitligaspielen 45 Tore und kehrte zur Saison 1993/94 mit dem MSV Duisburg in die erste Liga zurück: In 23 Einsätzen reichte es nur zu zwei Toren. Als 30jähriger stieg er mit Hertha BSC wieder in die Bundesliga auf und kam in den ersten neun Spielen über Einwechslungen nicht hinaus. In den folgenden 187 Ligaspielen schoss er dann 84 Tore für die Berliner, bevor er mit fast 36 Jahren seine Profi-Laufbahn beendet.

Was das beweist? Nichts. Es gibt nur einen Hinweis darauf, dass im Fußball einiges wahrscheinlich, vieles möglich, wenig ausgeschlossen und nicht viel mehr als ausgemacht gelten darf. Das Alter eines Spielers ist bestenfalls ein Hinweis auf seine Möglichkeiten, kein Beweis für seine Qualität.

Zudem - und das ist nicht ganz unwichtig - hat Liberopoulos in der griechischen Nationalelf offensichtlich einige Male unter Beweis gestellt, dass er auch als Einwechselspieler weiß, wo das gegnerische Tor steht. Diese "Jokertore" hat er übrigens nicht in unwichtigen Freundschafts-, sondern in WM- bzw. EM-Qualifikationsspielen erzielt: Am 7.9.2005 wurde er nach in der 54. Minute in Kasachstan nach dem Führungstreffer der Gastgeber eingewechselt, in der 90. Minute erzielte er das Tor zum 2:1-Auswärtsieg der griechischen Auswahl. Ein knappes Jahr später, am 2.9.2006, wechselte ihn Otto Rehhagel beim Spiel in Moldawien nach 46. Minuten für Angelos Charisteas ein - in der 77. Minute schoss Liberopoulos den 1:0-Siegtreffer. Im Rückspiel gegen Moldawien am 6.6.2007 durfte er nach 63 Minuten für Theofanis Gekas auf den Platz - und traf zum 2:1-Siegtreffer in der letzten Spielminute. Am 13.10.2007 schließlich kam er in der 69. Minute wieder für Charisteas ins Spiel - drei Minuten später erzielte er das 3:1 beim 3:2-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina. Dass er bei seinem einzigen Einsatz für die griechische Auswahl bei der EM in den ihm von Rehhagel zugestandenen 61 Minuten bei der 0:1-Niederlage gegen Russland nicht überzeugen konnte, fällt in meinen Augen nicht weiter ins Gewicht - welcher griechische Spieler konnte bei dieser EM schon überzeugen?

Trainer Funkel ist überzeugt - von Liberopoulos´ Qualitäten: „Aufgrund seines Alters und seiner riesigen Erfahrung sind wir davon überzeugt, dass er uns weiterhelfen kann. Er ist eine klassische Sturmspitze.“ (eintracht.de, 13.7.) "Seine Torgefahr zeichnet ihn seit Jahren aus", sagt Heribert Bruchhagen über den Neuzugang. Wer bin ich Heribert Bruchhagen zu widersprechen? Der Mann muss es schließlich wissen: Er hat vorher Bernd Hölzenbein gefragt.

Außerdem könnte der eine oder andere Dauernörgler einfach Mal zur Kenntnis nehmen, dass singende Fans, hohe Häuser und ortsansässige Banken keinen Weltklassetorjäger finanzieren. Einen Stürmer zu holen, der über Jahre eine Trefferquote erzielt hat, die einen Auftragsmörder neidisch machen würde, wird der Eintracht vorerst nicht gelingen.

Ein Schuss fränkischer Realitätssinn, Marke Martin Bader, Nürnbergs Sportdirektor, könnte einigen im Umfeld der Eintracht nicht schaden. Nürnberg soll sich laut kicker im Mai letzten Jahres mit Liberopoulos bereits einig gewesen sein und Bader sagte damals: "Es ist doch klar, dass wir keinen 25-jährigen Spieler kriegen, der Deutsch spricht und seit fünf Jahren um die 20 Tore pro Saison macht", so Bader. (kicker, 24.5.2007) Dabei standen die Franken damals im DFB-Pokalfinale und hatten sich bereits für den UEFA-Cup qualifiziert.

Selbstverständlich ist die Eintracht der tollste, beste und geilste Verein der Welt. Aber abseits davon ist es nicht ganz verkehrt, sich von Zeit zu Zeit ein Mal zu fragen, was wir Spielern der Klasse, von denen immer noch geträumt wird, zu bieten haben?

"Hitman" treffen für Cash, nicht für Tradition oder Ehre.

(Das Bild ist ein Foto aus der DVD-Ausgabe des Films "The Detective". Die Autogrammkarte von Nikos Liberopoulos hat Frank aus seinem Eintracht-Archiv zur Verfügung gestellt.)

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