Deep Throat. Wer bei der Überschrift eher an Linda Lovelace denkt als an Mark Felt, kann hier mit dem Lesen aufhören, bevor er enttäuscht wird. In diesem Blogeintrag geht es um Informanten und um meinen dicken Hals und nicht etwa darum, auf welche Art man den Hals voll kriegen kann.
Im Artikel "Fans mitbringen, Punkte in Frankfurt lassen" vom 5.7.2008 schreibt Autor "die" in der FAZ, dass das Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt e.V. für die neue Saison mit einem Zuschauerdurchschnitt von 3.000 Besuchern rechnet. Außerdem wird angegeben, dass der Zuschauerschnitt in der letzten Spielzeit 650 betragen habe: "In der abgelaufenen Saison in der Fußball-Oberliga Hessen hatte die zweite Mannschaft der Frankfurter Eintracht einen Zuschauerdurchschnitt von 650. In Zukunft soll der Publikumszuspruch beim Nachwuchs des Bundesliga-Vereins auf rund 3000 Besucher steigen - dank der Teilnahme am Spielbetrieb der Regionalliga Süd." (FAZ, 5.7.)
Nach meiner Berechnung im Blogeintrag "Eine Null zu viel" - Grundlage waren die Angaben in den Spielberichten auf eintracht-frankfurt.de - hatte die U23 in der letzten Spielzeit jedoch nicht 650, sondern lediglich einen Zuschauerschnitt von ca. 341 Zuschauern. Wobei anzumerken ist, dass die U23 von den gut 900 Zuschauern profitierte, die beim letzten Heimspiel kamen, um den Riederwald als Seniorenpunktspielspielstätte zu verabschieden. Zu einem nahezu identischen Ergebnis (340) wie ich kommen übrigens auch die Statistiken auf weltfussball.de bzw. spox.com. Marco Romano hat außerdem am 25.7. im Forum auf eintracht.de folgende Klarstellung des Leistungszentrums veröffentlicht:
"Hallo,
nach den Diskussionen in den letzten Wochen im Bezug auf die Zuschauerkalkulation bei den Heimspielen der U23 möchte ich an dieser Stelle klar stellen, dass das Leistungszentrum mit 700 Besuchern im Schnitt am Bornheimer Hang plant.
Mit freundlichem Gruß
Marco Romano
Mitarbeiter LZ Eintracht Frankfurt".
Meine Frage an die FAZ war und ist, woher die im FAZ-Artikel verwendeten Angaben zum Zuschauerschnitt der Spielzeiten 2007/08 sowie 2008/09 stammen. Meine schriftliche Anfrage vom 25.7. blieb unbeantwortet. Eine kurze Nachricht, welchen Inhalts auch immer, hätte ich von der Zeitung, bei der ich seit einigen Jahren Abonnent bin, schon erwartet.
Mein leicht geschwollener Hals wurde noch etwas dicker als ich die FAZ zum zweiten Mal erfolglos anschrieb. Grund für meine erneute Anfrage, war ein Artikel von Ralf Weitbrecht, den ich bereits in meinem Blogeintrag "Grau-Zone" thematisiert habe. Weitbrecht schrieb damals in der FAZ: "Dem Südamerikaner (Caio) kommt in der jüngeren Eintracht-Geschichte eine besondere Rolle zu, ist er doch der einzige Spieler im aktuellen Kader, der nicht auf ausdrücklichen Wunsch von Trainer Friedhelm Funkel verpflichtet worden ist. Es waren vielmehr einflussreiche Herren aus dem Aufsichtsrat, die zu Jahresbeginn 3,8 Millionen Euro für den Transfer des heute 22 Jahre alten Mittelfeldspielers bewilligt haben." (FAZ, 25.9.)
Ich stellte damals fest, dass es keine neue Erkenntnis ist, das es dem Aufsichtsrat obliegt, Transfers - spätestens ab einer bestimmten Größenordnung - zu genehmigen. Woher Herr Weitbrecht die Erkenntnis haben wollte, dass Caio nicht auf Wunsch des Trainers verpflichtet wurde, interessierte mich damals so wie heute. In meinem Blogeintrag äußerte ich die Vermutung, dass Ralf Weitbrecht vielleicht doch öfter im Forum auf eintracht.de mitliest als es seinen Artikeln gut tut. Oder hatte er nur Roland Palmerts Artikel in der "Bild" vom 28.1. gelesen und nach eigenem Gutdünken ausgelegt? "Wer Becker kennt, weiß, dass er intern lange genug einen Spielmacher gefordert hat vom Vorstand. Jetzt will er ihn auch spielen sehen..." (Bild, 28.1.)
Wer immer auch die "Deep Throat" der beiden hier zitierten FAZ-Autoren sein mag, ich würde an Stelle der beiden Journalisten die "Auskünfte" des Informanten etwas genauer überprüfen. Manchmal ist es ganz leicht, wie man oben an meinem ersten Beispiel sieht. Etwas Recherche und ein Excel-Blatt, mehr braucht es dazu nicht.
Bob Woodward bekam seine Informationen von Mark Felt, in dem er ihm die Ergebnisse seiner Recherchen mitteilte und "Deep Throat" diese bestätigte - oder eben nicht. Ohne eigene Recherche geht es nun mal nicht. Eine einzelne Quelle ist ohnehin immer mit Vorsicht zu genießen, sonst kommt man als Journalist in solch eine unangenehme Situation wie Ralf Weitbrecht bei dem Interview, das er zusammen mit seinem Kollegen Michael Wittershagen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Eintracht Frankfurt Fußball AG, Herbert Becker, geführt hat und das heute in der FAZ veröffentlicht wurde. Das sagt Herbert Becker nämlich: "Klar ist aber doch auch, dass wir bis heute nicht einen einzigen Spieler verpflichtet haben, den der Trainer nicht wollte. Auch bei Caio hat Herr Funkel ja explizit betont, dass er diesen Spieler möchte. Und wir als Aufsichtsrat haben bis heute jeden Wunsch des Trainers erfüllt." (FAZ, 15.10.)Autsch. Wenn bei beiden FAZ-Journalisten dieselbe "tiefe Kehle" am Werk war, scheint aus ihr entweder nur unverständliches Grunzen gekommen zu sein oder die beiden haben sich instrumentalisieren lassen. An ihrer Stelle würde ich die Tiefgarage wechseln oder einfach nicht mehr auf Stimmen hören. Besonders nicht auf die, die aus tiefen Kehlen kommen.
(Das Foto stammt aus dem Film „All The President´s Men“.)
1 Kommentare:
Ja, das ist ein schwieriges Thema, Kid. Einerseits hast Du Recht, dass es für die Behauptungen der FAZ keinen Nachweis gibt; das ist aber das Wesen anonymer Quellen. Der Journalist muss immer abwägen, ob der Nachrichtenwert größer ist als das Risiko, dass der Quelle nicht vertraut wird.
Die U23-Kalkulation ist total merkwürdig. Da muss wohl irgendein ganz böses Missverständnis vorgelegen haben.
Die Caio-Geschichte wird allerdings bestimmt eines Tages Stoff für einen spannenden Abend im Museum liefern. Dass Becker aktuell behauptet, Funkel habe den Spieler gewollt, ist nicht verwunderlich. Alles andere würde der Öffenlichkeit Abgründe eröffnen. Funkel selbst kann dem auch nicht widersprechen, da sonst seine Entscheidungszuständigkeit öffentlich ramponiert wäre.
Mir ist schon damals aufgefallen, dass Funkel frühzeitig skeptisch gegenüber Caio war. Bei Becker erinnere ich mich dagegen noch vor dem Berlin-Spiel (dem ersten der Rückrunde) an ein Fernseh-Interview, in dem er seine Erwartung zum Ausdruck bracht, dass Caio spiele, "ansonsten friert er ja auf der Bank fest." Sollte scherzhaft sein, hatte aber einen gefährlichen Unterton.
Tja, ich weiß es nicht, bin kein Insider. Aber seltsam ist die ganze Story schon.
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