Friedhelm Funkel ist nicht dafür bekannt, dass er seine Spieler öffentlich über Gebühr lobt. Im Fall von Zlatan Bajramovic macht er jedoch aktuell eine der wenigen Ausnahmen: "Das ist ein klasse Spieler, ein echter Führungsspieler."
Funkel wäre nicht Funkel und somit nicht der Trainer, der viele Eintrachtfans polarisiert wie es sonst nur bei Caio der Fall ist, wenn er sich nicht selbst bremsen würde, in dem er seinem Lob eine Einschränkung hinterher schiebt: "Doch aktuell geht es vor allem darum, dass Zlatan gesund bleibt. Ich hoffe es jedenfalls inständig. Aber wenn er den März übersteht, dann rechne ich schon mit ihm." (..) "Bei seiner Verpflichtung, die für uns durchaus ein Risiko gewesen ist, habe wir um die Problematik gewusst." (..) Funkels Rückendeckung hat Bajramovic, "denn er ist einfach ein toller Typ, der uns aktuell fehlt". (FAZ, 12.3.2009)
Auch in der heutigen Ausgabe des Wiesbadener Kuriers zeigt sich Funkel von Bajramovics Qualitäten überzeugt: "Er hoffe "inständig", dass der ehemalige Schalker die nächsten Wochen problemlos trainieren kann, "denn das ist ein Klassespieler, ein Führungsspieler, genau wie wir ihn brauchen".
Ich schicke dieses Zitat mit einem fröhlichen Gruß an einen anderen, selbsternannten "Führungsspieler", den ich dennoch schätze, und verbinde den Gruß mit einer Frage: Wie viele Führungsspieler braucht eine Mannschaft eigentlich? Ich gebe mir die Antwort selbst und sage: Mindestens einen. Worauf sich eine neue Frage anschließt: Hat die Eintracht derzeit überhaupt einen, auf dem Platz, meine ich, wo einem selbstbewusste Einschätzungen in Interviews weitaus weniger helfen als bei Vertragsverhandlungen, die man in die Öffentlichkeit zerrt?
Patrick Ochs, dessen Spiel das Publikum mitreißt, jedoch noch nicht seine Mitspieler, könnte die Unterstützung einer echten Persönlichkeit auf dem Platz dringend brauchen. Doch wann wird es soweit sein? Wird es überhaupt dazu kommen, denn aus den Worten des Trainers hört man immer noch die Sorge um die Gesundheit seines Spielers?
Aber vielleicht hat sich im Gegensatz zum Trainingslager, das Bajramovic wegen erneuter Schmerzen am operierten Zeh abbrechen musste, etwas verändert. Etwas, das sichtbar ist, sich aber der Gerätemedizin nicht offenbart: Funkel ist überaus angetan, "wie er die anderen anspornt und anfeuert. Er muntert auf und ist immer nur optimistisch." Vermutlich die beste Strategie, um vielleicht doch noch einmal schmerzfrei auf die Bühne Bundesliga zurückzukehren. (FAZ, 12.3.2009)
Nicht nur vermutlich, sagt einer, der sich mit Schmerzen bestens auskennt, Optimismus ist der beste Weg. Das ängstliche "Hineinhorchen" in den eigenen Körper, das Beobachten der lädierten Stelle, wird zum Mittelpunkt und die Furcht vor dem "nächsten Mal" lähmt dich ebenso, wie das dauerhafte Beobachten und "Analysieren" des Schmerzes.
Dem "kicker" vom 18.12.2008 hat Zlatan Bajramovic dazu folgendes erzählt: "Das Problem am Zeh ist, dass man ihn jeden Tag benutzt und so aufgrund dieser Verletzung Schmerzen im Alltag hat. Das ist viel zermürbender als wenn man nur nicht trainieren kann. Wenn man jeden Tag mit Schmerzen umgehen muss, ist man null Komma Null glücklich."
Ich habe bereits im Januar geschrieben, dass ich weiß, wovon Bajramovic spricht: Tägliche Schmerzen zermürben dich, nehmen dir die Lebensfreude und dein Alltag wird geprägt von der Angst vor dem Schmerz und den Versuch, ihn zu vermeiden.
Das setzt sich in deinem Kopf fest, nimmt dir langsam die Kraft und jeden Mut - du traust dir kaum noch etwas zu. Bajramovics Problem ist kein Problem seines operierten Zehs, sondern seines Kopfes, der sich umstellen, der umdenken muss. Es gilt die Angst vor dem Schmerz und davor, dass es wieder schlimmer wird, zu überwinden, die Mechanismen zu durchbrechen, die der Schmerz geschaffen hat.
Das geht nicht, wenn du in deiner Angst bestärkt wirst. Da muss mindestens einer kommen und sagen: das wird, das geht, da musst du durch, aber es wird besser. Wenn du nichts machst, wird es allerdings schlechter...
Der Trainer hat Bajramovic bereits im Trainingslager die Wahl gelassen, ob er an einer oder beiden täglichen Übungseinheiten teilnimmt. Das war gut, das war eine Sonderbehandlung, die Vertrauen schuf, weil sie zeigte, dass der Trainer den Spieler seiner Selbstbestimmung nicht berauben will, die Bajramovic selbst angemahnt hat. Andererseits gab er Bajramovic, dem ehemaligen (?) Schmerzpatienten, den wichtigen Hinweis, dass die Schmerzen dieses Mal nichts Schlimmes zu bedeuten haben. Wenn Bajramovic seinen Ärzten und seinem Trainer glaubt, wird er wieder gesund, schrieb ich damals. Heute sieht es so aus, als könnte es Bajramovic schaffen, als könnte er sein Schmerzgedächtnis überwinden und tatsächlich wieder vollständig gesund werden.
Peter O´Toole löscht bei seiner unvergesslichen Darstellung des "Lawrence von Arabien" zu Beginn des gleichnamigen Films ein brennendes Streichholz aufreizend langsam mit zwei Fingern. Als einer seiner Militärkameraden es ihm gleichtun will, lässt dieser das brennende Streichholz fallen, schreit laut auf und beklagt sich, dass es verdammt weh tue. Natürlich tue es weh, entgegnet Lawrence. Worin denn dann der Trick bestehe, fragt sein Kamerad. Lawrence antwortet: "Der Trick besteht darin, (..) sich nichts aus dem Schmerz zu machen."
Das hört sich leichter an als es ist. Denn sich nichts aus dem Schmerz zu machen, ist eine Qualität, die nicht alle Menschen und auch nicht alle Sportler haben. Im Fall von Bajramovic, der diese Qualität zweifellos besitzt, liegt der Fall jedoch anders, denn es ist nicht der Schmerz, auf den du dich einstellen kannst, den du ertragen kannst, weil du weißt, wann er kommt und darauf vertrauen kannst, dass er nach der Belastung wieder geht. Nein, Bajramovics Schmerz ist ein anderer - ich habe es zu beschreiben versucht.
Wenn es auch bei diesem Schmerz einen "Trick" gibt, ist es der, den Schmerz mit Optimismus der Bedeutung zu berauben, die er in langen Monaten an sich gerissen hat. Die Schwierigkeit bei diesem Trick besteht darin, sich selbst zu täuschen, zu überlisten oder wenigstens abzulenken. Und das dürfte der größte Trick von allen sein. Bajramovic könnte er gelingen. Ich wünsche es ihm, weil ich den Weg kenne, der nun hoffentlich hinter ihm liegt.
(Das Foto von Zlatan Bajramovic hat Stefan Krieger gemacht und zur Verfügung gestellt.)
Funkel wäre nicht Funkel und somit nicht der Trainer, der viele Eintrachtfans polarisiert wie es sonst nur bei Caio der Fall ist, wenn er sich nicht selbst bremsen würde, in dem er seinem Lob eine Einschränkung hinterher schiebt: "Doch aktuell geht es vor allem darum, dass Zlatan gesund bleibt. Ich hoffe es jedenfalls inständig. Aber wenn er den März übersteht, dann rechne ich schon mit ihm." (..) "Bei seiner Verpflichtung, die für uns durchaus ein Risiko gewesen ist, habe wir um die Problematik gewusst." (..) Funkels Rückendeckung hat Bajramovic, "denn er ist einfach ein toller Typ, der uns aktuell fehlt". (FAZ, 12.3.2009)
Auch in der heutigen Ausgabe des Wiesbadener Kuriers zeigt sich Funkel von Bajramovics Qualitäten überzeugt: "Er hoffe "inständig", dass der ehemalige Schalker die nächsten Wochen problemlos trainieren kann, "denn das ist ein Klassespieler, ein Führungsspieler, genau wie wir ihn brauchen".
Ich schicke dieses Zitat mit einem fröhlichen Gruß an einen anderen, selbsternannten "Führungsspieler", den ich dennoch schätze, und verbinde den Gruß mit einer Frage: Wie viele Führungsspieler braucht eine Mannschaft eigentlich? Ich gebe mir die Antwort selbst und sage: Mindestens einen. Worauf sich eine neue Frage anschließt: Hat die Eintracht derzeit überhaupt einen, auf dem Platz, meine ich, wo einem selbstbewusste Einschätzungen in Interviews weitaus weniger helfen als bei Vertragsverhandlungen, die man in die Öffentlichkeit zerrt?
Patrick Ochs, dessen Spiel das Publikum mitreißt, jedoch noch nicht seine Mitspieler, könnte die Unterstützung einer echten Persönlichkeit auf dem Platz dringend brauchen. Doch wann wird es soweit sein? Wird es überhaupt dazu kommen, denn aus den Worten des Trainers hört man immer noch die Sorge um die Gesundheit seines Spielers?
Aber vielleicht hat sich im Gegensatz zum Trainingslager, das Bajramovic wegen erneuter Schmerzen am operierten Zeh abbrechen musste, etwas verändert. Etwas, das sichtbar ist, sich aber der Gerätemedizin nicht offenbart: Funkel ist überaus angetan, "wie er die anderen anspornt und anfeuert. Er muntert auf und ist immer nur optimistisch." Vermutlich die beste Strategie, um vielleicht doch noch einmal schmerzfrei auf die Bühne Bundesliga zurückzukehren. (FAZ, 12.3.2009)Nicht nur vermutlich, sagt einer, der sich mit Schmerzen bestens auskennt, Optimismus ist der beste Weg. Das ängstliche "Hineinhorchen" in den eigenen Körper, das Beobachten der lädierten Stelle, wird zum Mittelpunkt und die Furcht vor dem "nächsten Mal" lähmt dich ebenso, wie das dauerhafte Beobachten und "Analysieren" des Schmerzes.
Dem "kicker" vom 18.12.2008 hat Zlatan Bajramovic dazu folgendes erzählt: "Das Problem am Zeh ist, dass man ihn jeden Tag benutzt und so aufgrund dieser Verletzung Schmerzen im Alltag hat. Das ist viel zermürbender als wenn man nur nicht trainieren kann. Wenn man jeden Tag mit Schmerzen umgehen muss, ist man null Komma Null glücklich."
Ich habe bereits im Januar geschrieben, dass ich weiß, wovon Bajramovic spricht: Tägliche Schmerzen zermürben dich, nehmen dir die Lebensfreude und dein Alltag wird geprägt von der Angst vor dem Schmerz und den Versuch, ihn zu vermeiden.
Das setzt sich in deinem Kopf fest, nimmt dir langsam die Kraft und jeden Mut - du traust dir kaum noch etwas zu. Bajramovics Problem ist kein Problem seines operierten Zehs, sondern seines Kopfes, der sich umstellen, der umdenken muss. Es gilt die Angst vor dem Schmerz und davor, dass es wieder schlimmer wird, zu überwinden, die Mechanismen zu durchbrechen, die der Schmerz geschaffen hat.
Das geht nicht, wenn du in deiner Angst bestärkt wirst. Da muss mindestens einer kommen und sagen: das wird, das geht, da musst du durch, aber es wird besser. Wenn du nichts machst, wird es allerdings schlechter...
Der Trainer hat Bajramovic bereits im Trainingslager die Wahl gelassen, ob er an einer oder beiden täglichen Übungseinheiten teilnimmt. Das war gut, das war eine Sonderbehandlung, die Vertrauen schuf, weil sie zeigte, dass der Trainer den Spieler seiner Selbstbestimmung nicht berauben will, die Bajramovic selbst angemahnt hat. Andererseits gab er Bajramovic, dem ehemaligen (?) Schmerzpatienten, den wichtigen Hinweis, dass die Schmerzen dieses Mal nichts Schlimmes zu bedeuten haben. Wenn Bajramovic seinen Ärzten und seinem Trainer glaubt, wird er wieder gesund, schrieb ich damals. Heute sieht es so aus, als könnte es Bajramovic schaffen, als könnte er sein Schmerzgedächtnis überwinden und tatsächlich wieder vollständig gesund werden.
Peter O´Toole löscht bei seiner unvergesslichen Darstellung des "Lawrence von Arabien" zu Beginn des gleichnamigen Films ein brennendes Streichholz aufreizend langsam mit zwei Fingern. Als einer seiner Militärkameraden es ihm gleichtun will, lässt dieser das brennende Streichholz fallen, schreit laut auf und beklagt sich, dass es verdammt weh tue. Natürlich tue es weh, entgegnet Lawrence. Worin denn dann der Trick bestehe, fragt sein Kamerad. Lawrence antwortet: "Der Trick besteht darin, (..) sich nichts aus dem Schmerz zu machen."
Das hört sich leichter an als es ist. Denn sich nichts aus dem Schmerz zu machen, ist eine Qualität, die nicht alle Menschen und auch nicht alle Sportler haben. Im Fall von Bajramovic, der diese Qualität zweifellos besitzt, liegt der Fall jedoch anders, denn es ist nicht der Schmerz, auf den du dich einstellen kannst, den du ertragen kannst, weil du weißt, wann er kommt und darauf vertrauen kannst, dass er nach der Belastung wieder geht. Nein, Bajramovics Schmerz ist ein anderer - ich habe es zu beschreiben versucht.
Wenn es auch bei diesem Schmerz einen "Trick" gibt, ist es der, den Schmerz mit Optimismus der Bedeutung zu berauben, die er in langen Monaten an sich gerissen hat. Die Schwierigkeit bei diesem Trick besteht darin, sich selbst zu täuschen, zu überlisten oder wenigstens abzulenken. Und das dürfte der größte Trick von allen sein. Bajramovic könnte er gelingen. Ich wünsche es ihm, weil ich den Weg kenne, der nun hoffentlich hinter ihm liegt.
(Das Foto von Zlatan Bajramovic hat Stefan Krieger gemacht und zur Verfügung gestellt.)
5 Kommentare:
Argh. Ein Outing - ich habe den Beitrag wirklich erst eben gelesen. Leider, denn er ist GUT!
Danke, Stefan.
Es ist mal was anderes vom "Faktenhuber". Dennoch oder gerade deshalb ein wichtiger Eintrag für mich, auch wenn ich vielleicht komplett falsch liege.
Ja. Heute sind wir beide über unseren Schatten gesprungen. Schöner Text.
Vielen Dank Kid, für diese Abhandlung, oder sollte ich eher sagen, Meditation über den Schmerz & dessen Überwindung. Diese Geschichte über Motivation und die täglichen Kämpfe.
Danke, denn die Welt sieht tatsächlich anders aus nach dieser Lektüre. Du weißt es, aber ich sage Dir es immer wieder gern: Für mich bist Du nicht der "Faktenhuber", für mich bist Du der Geschichtenerzähler! Aus diesem Grund kam ich hier einst vorbei. Aus diesem Grund verweile ich hier!
Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
Fritsch.
Danke, Fritsch. Vielen Dank!
Gruß aus der "Klappergass"
Kid
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