Es ist schade, dass ich nicht die Zeit habe, mein Blog zu schreiben und zusätzlich die Spielberichte für Franks Eintracht-Archiv. Beides zusammen schaffe ich nicht, entweder muss das eine zurückstehen oder das andere. In den letzten beiden Jahren waren es die Spielberichte, ich finde das schade. So bleiben wird es nicht.
Ich weiß nicht, wie viele Menschen in Franks Archiv stöbern, und es kann durchaus sein, dass man mehrere Stunden an einem Spielbericht sitzt, recherchiert und schreibt, aber dieser Bericht möglicherweise nie gelesen wird. Doch der Gedanke, dass jemand ins Eintracht-Archiv schaut und dort nicht nur Daten, sondern Berichte, Fotos und Zitate zu einem Spiel findet, das ihm etwas bedeutet, weil es ein besonderes Spiel, vielleicht das erste live erlebte Eintrachtspiel war, dieser Gedanke ist ein glücklicher und er ist Motivation genug. Heute mehr denn je.
Irgendwann, in einigen Jahren, wird es hoffentlich soweit sein, dass zu den meisten Partien der Eintracht die Daten und Spielberichte verfügbar sein werden. Es wird die Geschichte von Eintracht Frankfurt sein, die in Franks Archiv aufbewahrt wird. Einer von denen zu sein, die etwas dazu beigetragen haben, macht mich froh.
Die Freude, die ich beim Schreiben meines letzten Berichtes zum Spiel der Eintracht gegen den VfB Stuttgart am 16.11.1974 hatte, war allerdings eine geteilte: Jenes 5:5 gegen die Schwaben war nicht nur der erste Auftritt von Willi Neuberger im Adler-Trikot, es war gleichzeitig auch die Partie nach der Dr. Kunter seinen Platz im Eintracht-Tor freiwillig räumte.
Willi hatte eine Woche zuvor noch für den Wuppertaler SV in der Bundesliga gespielt. Da dem Tabellenletzten zwar sportlich das Wasser bis zum Hals stand, jedoch gleichzeitig in der Kasse Ebbe herrschte, sollte mit Neubergers Verkauf wenigstens der Schuldenberg teilweise abgetragen werden. Schwupp ging der Willi nicht über, aber von der Wupper an den Main.
Dort mahnte Trainer Weise: "Man kann am Samstag von Willi noch keine Wunderdinge erwarten." Auch ein Routinier wie Neuberger, fand Weise, könne sich nicht "von heute auf morgen auf die Spielweise einer neuen Mannschaft einstellen."
Zudem hatte Neuberger nach seinem Wechsel zu Werder Bremens "Millionenelf" in den vorangegangenen drei Jahren weder an der Weser noch an der Wupper an seine Dortmunder Leistungen anknüpfen können. Jürgen Grabowski war von dem als Linksaußen verpflichteten Spieler - ein Wechsel von Arno Steffenhagen zur Eintracht war zuvor an der Absage Ajax Amsterdams gescheitert - dennoch angetan: "Ich glaube, die Eintracht wird mit Willi Neuberger stärker. Gegen Stuttgart soll es mit Neuberger am Samstag einen neuen Anfang geben."
Willi Neuberger selbst zeigte sich von dem Wirbel, der um seine blitzartige Verpflichtung gemacht wurde, unbeeindruckt: Auf die Frage, wie er mit dem rasanten Wechsel umzugehen gedenke, antwortete der Neuling: "Ich stelle mir eben vor, dass der Wuppertaler SV in einem neuen Trikot spielt." Welche Vorstellung Willi mit dieser Vorstellung geboten hat, erfahrt ihr in meinem Bericht (klick).
"Willi war der Beste... zumindest auf links und bis heute", nannte ich meinen Blogeintrag vom 30.12.2006 und schrieb: "Willi würde ich es gönnen, heute noch einmal an der linken Außenbahn die Linie runter zu marschieren und sein Williiiiiiiiiiiiiiiiii mal vor ausverkauftem Haus und der aktuellen Fangeneration zu genießen, statt vor 12 bis 20 Tausend Zuschauern, die nach dem dritten Fehlpass im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel pfeifen."
Im Spiel gegen Stuttgart, in dem die Willi-Rufe bereits zum ersten Mal im Waldstadion erklangen, gab es aber auch anderes zu hören: Schmähungen und Pfiffe gegen Dr. Kunter.
Für den Dr. Kunter, der sich nicht nur im Abstiegsduell auf dem Bieberer Berg am 33. Spieltag der Saison 1970/71 ewige Verdienste um die Eintracht erworben hatte, als sogar Kickers-Trainer Klötzer nur lobende Worte fand: "Sicherlich hätte das Spiel noch eine halbe Stunde weitergehen können, und Eintracht-Torwart Dr. Kunter hätte nach wie vor alles gehalten. Er war in einer überragenden Form."
Für den Dr. Kunter, der noch im August mit der Eintracht den DFB-Pokal errungen hatte. Für den Dr. Kunter, der nur 14 Tage zuvor im Derby gegen Offenbach kurz vor Schluss das Unentschieden gerettet und am letzten Spieltag in Berlin vortrefflich gehalten hatte. Für den Dr. Kunter, der in der Saison 1973/74, als ihn Günter Wienhold bereits abgelöst zu haben schien, seinen Rivalen in aller Öffentlichkeit lobte: "Besser als Günter kann man gar nicht halten."
Dieser Dr. Kunter fand nach dem Spiel gegen den VfB, dass er "eine ausgesprochen schlechte Figur" gemacht habe, und gab öffentlich bekannt: "Ich werde mich jetzt für ein Vierteljahr auf die Bank setzen. Wienhold soll jetzt ins Tor. Ich lasse mich da auch von Herrn Weise nicht umstimmen."
Tatsächlich ging Dr. Kunter zu seinem Trainer Dietrich Weise und sagte ihm: "Trainer, von meinem Einsatz haben wir doch beide nichts. Wenn ich noch eine krumme Sache mache, pfeifen die mich hier bedingungslos aus. Wienhold hat lange genug gewartet." Dieser Dr. Kunter hatte eine andere Art der Ablösung verdient. Doch auf die wollte er nicht warten, schon gar nicht vergebens: "Das Publikum ist offensichtlich Kunter-müde."
Auch wenn der Abschied kein endgültiger war, hat mich das Schreiben dieses Berichtes traurig gestimmt. Dr. Kunter hätte es verdient gehabt, im Triumph oder zumindest bejubelt abzutreten. Das war ihm leider auch in der Saison darauf - "Das letzte Jahr habe ich nur noch dem Weise zuliebe gemacht." (Dr. Kunter) - nach dem Beinbruch Wienholds in Gladbach nicht vergönnt.
(Danke an Petermann sowie Matze Thoma und das Eintracht Frankfurt Museum für die Unterstützung.)
10 Kommentare:
Ich war ein Kind und er war der Erste, den ich damals im Eintrachttor gesehen habe und ich weiß noch, dass die Erwachsenen damals sagten, " ja, er kann was und er hat tolle Reflexe, aber er ist ein bißchen zu klein". Weil ich ja auch klein war, habe ich mich sofort innerlich mit ihm solidarisiert und habe mich gefreut, dass er in dieser Partie kein Tor zuließ. Ich bin nie Kunter-müde geworden.
Und Willi Neuberger war nicht nur giftiger und schneller Zweikämpfer, sondern auch so ein leichtfüßiger Typ, der im Vorwärtsgang auf seiner Außenbahn nicht zu packen war.
Reines Quecksilber für die Gegenspieler.
Gruß aus OWL
Hi Kid,
Leider gehöre ich auch zu denen die vermutlich nur die wenigsten deiner Spielberichte lesen. Meine Zeit bei der Eintrach fängt erst so um 1988 an. Genau kann ich es nicht erklären, aber irgendwie reizen mich Spielberichte weit vor dieser Zeit nicht so richtig.
Ich nutze diesen Service eigentlich nur, wenn einer von "den Alten" von einer besonderen begebenheit erzählt oder es im Forum oder einem der Blogs thematisiert wird. Dann ist es wunderbar solche Informationen zu finden, welche noch relativ Nahe am original geschehen sind. Mit der Zeit wird einem dann auch klar, was den Mythos um Dr. Hammer, Holz, Grabi und wie Sie alle heißen aus macht.
Daher möchte ich dich ermuntern deine Arbeit nicht aufzugeben, auch wenn ich die Spielberichte - im Gegensatz zu deinem Blog - nur sehr selektiv nutze. Sie ist nicht wertlos. Auch wenn derlei Spielberichte mich emotional erst so richtig ab 1988 einbeziehen.
Gruß,
Jan
Sehr schön,Rüdiger.
Eine Hommage auf 1,75 m -damals 78 kg-geballtes katzenhafte Kraftpacket.234 BL-Spiele für Eintracht Frankfurt-von 1965 bis 1976 Auf der Linie der beste Tormann -welcher je im Eintracht Tor stand. Schwächen beim rauslaufen,fausten und bei Flutlichtspiele-aufgrund der Kontaktlinsen-die öfter mal im Strafraum gesucht worden sind.Ich erinnere mich gut an eine Parade gegen 1860 München-Ende der 60er Jahre-als dieser Dr.- 60-80 cm unterhalb der Torlatte - horizontal einen Ball herausfischte-Glaubt mir leute-so eine Parade habe ich davor und auch danach nie mehr in der BL gesehen.Wahnsinn-zu welcher Sprungkraft dieser Mann fähig war. Dazu Charakterstark,Kamerad und äussert loyal gegenüber dem Verein,Trainer und Mitspieler.
Einer der wenigen Doktoren zu der aktiven Spielzeit. So aus dem Stehgreif fällt mir nur noch Kappelmann von Bayern ein.
Danke Rüdiger-für den Bericht über Hernn Kunter-jetzt auch schon 68 jahre alt.
Ich lese zwischen Deinen Zeilen so eine leichte Resignation raus-bezüglich der Spielberichte und dem Archiv ? Glaub mal nur -das wird öfter gelesen als wir glauben.
Gruß
Peter(mann)
Hi Don - du hast die Oberschenkel vergesssen, Kunters Oberschenkel. Wer, außer außer eventuell Eisschnellläufern könnte da mithalten?
Nochmal @Petermann: Zitat "Glaub mal nur - das wird öfter gelesen als wir glauben."
Fall' lieber vom Glauben ab - ich kenne die Zugriffszahlen
Danke für eure Kommentare.
Ich habe übrigens in Bezug auf das Schreiben der Spielberichte nicht resigniert und habe auch nicht vor, diese Arbeit aufzugeben. Ganz im Gegenteil. :-)
Gruß vom Kid
Leider kann ich 's nicht scannen, doch die Fußball-Woche schrieb zu diesem Spiel u.a.:
"Die bitterste Stunde mußten zwei Stars der Eintracht erleben, die den Pokalsieger in zehn Jahren schon zu großen Siegen geführt hatten: Dr. Kunter, dessen Ablösung in Spechchören gefordert wurde und Grabowski, für dessen ausgelassene Chancen es erstmals seit Jahren Pfiffe gab.
Die beiden waren nicht einmal die Ursache der schwachen Leistungen. Dr. Kunter stand hinter einer desolaten Vorderfront, die jeweils durchlöchert wurde, wenn nur ein hoher Ball in den Frankfurter Strafraum flog"(M. Tobias in FuWo, Nr. 46/18.11.1974).
Obwohl Dr. Kunter in der Saison 1975/76 noch zum Einsatz kommen sollte (nach Günter Wienholds Knöchelbruch), war dieses 5:5 gegen Stuttgart wohl doch schon so etwas wie ein 'innerlicher' Abschied von der großen Fußballbühne. Vier Jahre später, der 'Doc' war damals zum Vizepräsidenten aufgestiegen, sagte er dem fußball-Magazin: "Die Kritik war sicherlich berechtigt. Doch daß ich einmal im eigen Stadion zur Zielscheibe solch unflätiger Beschimpfungen werden konnte, hätte ich nie für möglich gehalten."
Es freut mich, dass sich nicht nur der Kid, sondern auch andere - im 35. Jahr (!) des 74er-Pokalsieges - an die Verdienste des besten (!!) Eintracht-Torwarts erinnern.
Hi Rüdiger,
auch wenn niemand deine Spielberichte im Eintracht-Archiv lesen würde, ich lese sie sehr gerne und regelmässig.
Wenn euer Ziel ist, zu jedem Spiel einen Spielbericht zu verfassen, so ist meines, jeden dieser Berichte gelesen zu haben... ;-))
Liebe Grüsse
Holger
alleine zur vorbereitung der tradition zum anfassen ist eure arbeit gold wert.
danke dafür
beve
Vielen Dank auch von mir für die Arbeit die Ihr Euch macht. Ich habe jedenfalls mein erstes Spiel im Stadion gefunden, gelesen und konnte sogar einen Teil hören - das es (4:3 gegen Stuttgart 1973) ein ganz außergewöhnliches Spiel war, habe ich schon als Bub mitbekommen und das ich seitedem nicht mehr von der Eintracht loskomme, egal wie und wo sie spielt, liegt wohl auch an diesem Ersterlebnis. Zu Peter Kunter habe ich übrigens auch eine besondere Beziehung. Ich habe damals selbst Kontaktlinsen bekommen und er hat mir gezeigt, dass man mit den Dingern sogar Bundesliga spielen kann. Und wenn einer einen blöden Spruch machte, konnte ich immer sagen: der Kunter trägt auch welche.
Grüße
Chris
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